Jugend ohne Anker : Mark Divo im Oldfashion
Das Wichtigste in Kürze:
Mark Divo hat sich einen Namen gemacht, durch seine Salons und „bewohnten Skulpturen“, die geprägt sind von der durchkomponierter Gestaltung der Innerräume ganzer Häuser sowie den Künstlern, die Divo um sich schart. Daneben hat Mark Divo ein weit verzweigtes Werk geschaffen, das unter anderem immer wieder Werke aus der Kunstgeschichte annektiert und persifliert. Nach Adaptationen von Spitzweg und Géricault knöpft sich Divo die idealisierte Bauernwelt Albert Ankers vor. Er gibt ihr eine düstere Wendung in dem er die grossen Gegenwartsängste vom Finanzkollaps über Jugendgewalt bis zu Sprengstoffattentaten in Ankers Bilder einführt. Divo hält sich dabei streng an Ankers Bildsprache und ans historische Kolorit, was seine Serie „Jugend ohne Anker“ boshaft, ironisch und vieldeutig macht.
Mark Divo: Jugend ohne Anker
Mark Divo ist ein Berserker. Auf sein Konto gehen zahllose freie Kunstinitiativen, immer wieder hat er Gebäude besetzt und annektiert und jweils nullkommaplötzlich in Kunstinstallationen verwandelt. Jedes Jahr zeichnet er verantwortlich für die Dada-Festwochen, und ihm ist der Anstoss zur Musealisierung des Cabaret-Voltaire zu verdanken. Divo ist die graue Eminenz einer losen Gruppe von Künstlern, Musikern und Filmemachern, die erscheinen, wann immer er irgendwo in Europa eine seiner „bewohnten Skulpturen“ lanciert. Glücklich die Stadt, in der er seiner Zelte aufschlägt und einen Salon einrichtet, in dem sich Bohemiens und Herumlungerprofis, Angespülte und Aktivisten, Veteranen und Jungkünstler zusammen finden. Als roter Faden zieht sich durch Divos Werk die Aneignung und Verwertung von allem, was ihm in die Finger und die Hirnwindungen gerät: Abfall, Antiquitäten, Versteinerungen, Putzschwämme, Nippes, Bücher, Bücher, noch mehr Bücher, Ideen sowie heroische Gesten aus der Kunstgeschichte, alles fliesst in Divos Werk. Farbige viereckige Putzschwämmchen werden in den „Megamops“ zu Persiflagen auf die Werke der Konkreten, die Divo verspottet mit einer Fotoarbeit auf der eine Nackte ein Schild mit der Aufschrift „Nie wieder Max Bill“ präsentiert. Dann wiederum geben die „Megamops“ den museumsartigen Hintergrund für Fotos mit gesattelten Hündchen. Und immer wieder tauchen in Divos Werk Bücher auf, etwa als Barrikade oder schmucke Wand. Oder er radikalisiert die bürgerliche Bibliothek, die als Ansammlung von Buchrücken die Bildung ihrer Besitzer vermeldet, indem er die Bücher so an die Wand nagelt, dass man ihre Cover sehen kann. Diese Installation taucht dann wieder auf im Werk „Der Bücherschänder“, das Spitzewegs Bild „Der Bücherwurm“ nachstellt. Wie der Bücherwurm steht Divo in Biedermeier- Gewand und mit Perücke auf einer Leiter, nagelt aber als Bücherschänder einen Band in die Bibliothek. Fröhlich fleddert Divo die Kunstgeschichte und stellt grosse Malerei in inszenierten Fotos nach: Von Géricualts „Floss der Medusa“, über Spitzwegs „Armer Poet“ bis zu Jacques Louis Davids „Schwur der Horatier“.
In seinen neusten Arbeiten knöpft sich Divo Albert Anker vor. Anker steht für das Bild einer ländlichen, idealisierten Schweiz ausserhalb der Zeit. Während der revolutionäre Freisinn den progressivsten Staat Europas gründet, feiert der ehemalige Theologiestudent Anker die Dorf-Idylle mit artigen Kindern, braven Müttern, rechtschaffenen Bauern und würdigen Alten. Selbst Negativfiguren wie der Wucherer, der Quacksalber oder der Trinker mit zerschlissener Jacke und sorgenvoll gefurchter Stirn, bestätigen als Abgefallene und Böse Ankers heiles kleine Dorf.
Den Rekurs auf diese Bauernwelt und auf die bäuerliche Landsknechttradition verwendet schon der junge Bundesstaat zur Unterfütterung seiner Legitimation. In den 1930ern wurde der Mythos der Bauernschweiz zum Kern der geistigen Landesverteidigung, der helvetischen Spielart einer Blut-und-Boden-Weltanschauung. Noch heute prägt diese Bauernschweiz unsere Politik. Keine Randgruppe ist politisch dermassen übervertreten, niemand wird mit Subventionen dermassen verhätschelt wie der Bauernstand. Über keine andere Berufsgruppe wird ein Dokumentarfilm um den anderen gedreht, niemand wird dermassen überbetont, wenn es um die Identität des Industrie- und Finanzstaates Schweiz geht. Die Bilder Ankers prägen bis heute den Mythos des helvetischen Bauernstandes und einer verklärten Vergangenheit.
Deshalb hat es etwas Provokantes, wenn Divo Anker-Motive mit heutigen Problemlagen insbesondere Jugendverwerfungen gegenwärtig macht. Dabei bleibt er streng bei der bildnerischen Sprache Ankers. Anker individualisierte und charakterisierte seine Figuren durch Gegenstände, die sie zu Funktionsträgern machen: Zur Strickerin, zum Gemeindeschreiber oder zum Quacksalber. Divo ersetzt Gegenstände, und aus dem Seifenbläser wird mit dem kiffenden Grasbläser ein Typus aktueller jugendlicher Freizeitvorlieben. Statt mit Dominosteinen spielt das Kind im düster betitelten „Nach der Finanzkrise“ mit obsoleten Kreditkarten. Oder die „Kleinen Strickerinnen“ werden zu den Bomben bastelnden „Kleinen Sprengerinnen“. Ankers Kinderfiguren sind bei Divo „Der kleiner Delinquent“, die „Kleine Trinkerin“ oder – in Gegenwart von ein paar Linien Kokain – die „Jugend ohne Anker“.